Aus der Recklinghäuser Zeitung
Montag, 6. August 2018
 

Recklinghausen

Ein Kraftort

 
ort

Von Bianca Munker

 

Sei willkommen. Gastkirche wird dieses Haus seit Jahrhunderten genannt“ – mit diesem Spruch an der Glastür begrüßt die kleine Kirche alle Besucher, die eintreten.

 

Unzählige Menschen sind über die Jahrhunderte hinweg in das Kirchlein gekommen. Sie trugen unterschiedliche Anliegen im Herzen.

 

Schon seit Ende des 14. Jahrhunderts befindet sich an der heutigen Heilige-Geist-Straße das Gasthaus mit Kirche. Stadtführer Alfred Stemmler kennt deren lange Geschichte. „Die älteste Urkunde des Gasthauses ist von 1403 datiert“, weiß der 71-Jährige.

 

Wie in vielen Städten Europas und ganz Deutschlands ergriffen auch die Bürger der Stadt Recklinghausen am Ende des 14. Jahrhunderts die Initiative für die Errichtung eines Armen- und Pilgergasthauses. Dort wurden kranke, alte und gebrechliche Menschen aufgenommen. „Und Pilger auf der Durchreise“, sagt Alfred Stemmler und ergänzt: „Die Höchstzahl der Personen, die umsorgt werden konnte, lag bei zwölf.“

 

Die Kosten für die Versorgung der Bewohner wie auch schon zuvor für die Errichtung der Gebäude wurden von den Bürgern der Stadt übernommen. „Die Menschen hatten damals furchtbare Angst vor der Pest. Sie wurde als Strafe Gottes angesehen und rief eine neue Frömmigkeit hervor. Besonders auf das christliche Gebot der Nächstenliebe waren sie eingeschworen“, erklärt der Theologe und Germanist weiter. „Die Bürgerinnen und Bürger waren stolz, Geld zu spenden. Viele namhafte Familien Recklinghausens übergaben Geld und Besitz an die Gastkirche und das Gasthaus.“ Dafür durfte ein Priester aus der Stifterfamilie Messen für die verstorbenen Familienmitglieder lesen.

 

Währen Alfred Stemmler von der Vergangenheit erzählt, betritt eine Frau das sonst leere Gotteshaus. Sie geht auf den spätgotischen Marienaltar zu und zündet eine Kerze an. „Meine Mutter hat heute zehnten Todestag“, sagt sie an Alfred Stemmler gerichtet.

 

„Wer immer Sorgen hat, sich quält, kann in die Gastkirche kommen. Sie ist ein Kraftort“, betont Alfred Stemmler. Das ist das, was der Stadtführer besonders an der Gastkirche mag. „Zudem hat dieses winzige Kirchlein drei individuelle Altäre.“

 

Einer der Altäre ist der Muttergottes geweiht, der andere zeigt eine Kreuzigungs-Szene.

 

„Dort ist Sebastian dargestellt, ein Pestheiliger“, berichtet Alfred Stemmler und deutet auf das Altarbild in der Mitte des Kirchenraums. Pfeile durchbohren Sebastians Körper. „Dieser Heilige wurde ganz bewusst ausgewählt. Als Märtyrer hat er viele Schmerzen erleiden müssen. Er wurde in der damaligen Zeit von den Menschen, die auch viel Leid erleben mussten, als Vorbild angesehen.“

   

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