Aus der Recklinghäuser Zeitung
Donnerstag, 19. Juli 2018
 

RECKLINGHAUSEN

Ein schöner, grüner Platz

18.07.2018, 12:00 Uhr
 
er, grüner Platz

Von Bianca Munker

Zum Hasentempel kommt Ursula Venn (70) am liebsten in den Morgenstunden, zwischen 8 und 9 Uhr. Dann kann sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Ingo Venn (78) ein besonderes Schauspiel beobachten. Denn die Häsin hat einen gefiederten Verehrer. „Wir bleiben gerne auf der Brücke stehen und schauen uns den Fischreiher an. Morgens fliegt er auf das oberste Plateau am Sockel und stellt sich neben die Statue. Er steht einfach da, minutenlang ohne sich zu rühren. Manchmal pickt er vorsichtig mit seinem Schnabel an die Skulptur“, erzählt Ursula Venn. Später begibt sich der Wasservogel in eine Ecke des Teichs und lässt seine kunstvolle Freundin keine Sekunde aus den Augen. 
 
Der Hasentempel, unweit des Europaplatzes vor dem Bahnhof, wurde vor fast drei Jahren eingeweiht. Die vier Meter große Skulptur der japanischen Künstlerin Leiko Ikemura war ein Geschenk der Stiftung der Sparda Bank West an die Stadt. 
 
Die Stadtführerin mag diesen Ort mit seinem Gewässer sehr gerne. „Das Gelände ist mit der Wiese und den alten Bäumen viel grüner als andere Bahnhofsvorplätze. Da sieht man doch meistens nur Beton, bei uns findet man ein schönes Plätzchen im Schatten“, sagt Ursula Venn und setzt sich auf eine Bank. Von hier aus hat sie die Rückseite des Hasentempels im Blick.
 
Früher habe es an dieser Stelle auch schon ein Gewässer gegeben. „Hier befand sich ab 1900 der Schwanenteich. Doch leider war dieser undicht“, erklärt die Vermessungstechnikerin. „Der in einer großen Zementwanne künstlich angelegte Schwanenteich wurde nach dem letzten Krieg zugeschüttet, nachdem er seit Jahren undicht gewesen war“, heißt es in einem Verwaltungsbericht aus den Jahren 1947/1948. 
 
Nur einige Meter vom Hasentempel entfernt befindet sich ein weiterer Ort, der Ursula Venn sehr am Herzen liegt: die Kunsthalle auf der Große-Perdekamp-Straße, die in einem ehemaligen Bunker untergebracht ist. „Ich bin von diesem großen und starken Gebäude begeistert.“ 
 
Kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen und britischen Streitkräfte im April 1945 machten sich die Recklinghäuser Gedanken, wie man den unbeschädigten Bunker künftig verwenden könne. Das Gebäude wurde – was kaum jemand weiß – ab 1945 als Bunker-Hotel genutzt. Alleinreisende Frauen, heimatlose Rückwanderer oder entlassene Kriegsgefangene konnten dort übernachten. Im zweiten Stock, wo die Männer schliefen, befand sich ein Raucherzimmer. „So ist, wie man sieht, alles dazu getan, in dem Reisenden, der im Bunker-Hotel Zuflucht sucht, das Gefühl der Geborgenheit aufkommen zu lassen“, hieß es vonseiten des damaligen Betreibers. 
 
Seit 1950 wird in der Luftschutzanlage Kunst gezeigt. Für den einstigen Direktor Prof. Thomas Grochowiak (1914 bis 2012) und die ehemalige Direktorin Dr. Anneliese Schröder (1924 bis 2013) findet Ursula Venn lobende Worte: „Grochowiak war eine interessante Person und Frau Schröder eine mutige Frau, die sich gegen viele Männer durchsetzen musste.“ Für ältere Besucher, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, muss es eine Überwindung sein, einen Bunker zu betreten. Ursula Venn: „Ich bin im Jahr 1947 geboren, für mich ist die Kunsthalle ein skurriler Ort. Die Ängste der Eltern habe ich aber nicht.“
 

   

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