Aus der Recklinghäuser Zeitung
Montag, 30. Juli 2018
 

RECKLINGHAUSEN

Mehr als 30.000 Ziegelsteine


Von Bianca Munker
 
Diesen Tag hat Hannelore Kemper nie vergessen: es war im August 1996, als die Backstein-Skulptur von Per Kirkeby feierlich eingeweiht wurde. Der Künstler kam extra aus Dänemark angereist, der Bürgermeister, damals lautete sein Name Jochen Welt und der einstige Direktor der städtischen Museen Prof. Dr. Ferdinand Ullrich standen am Lohtor. Und was passierte? Eine Gruppe von Zuschauern buhte aus voller Brust. 
„Was soll denn das?“, habe sich damals Hannelore Kemper gefragt, die ebenfalls der Einweihung beiwohnte. „Ich habe das Kunstwerk nicht abgelehnt, sondern vorgezogen, mich mehr damit zu beschäftigen“, fügt sie hinzu. Das hat Hannelore Kemper getan. Heute ist das 26 Meter lange, 4,50 Meter hohe und 2,60 Meter breite Objekt am Lohtor ihr Lieblings-Platz in der Altstadt. 
Der Standort am Wall spielt auf die historische Stadtmauer und die einstigen Tore der Altstadt an. Es nimmt aber auch die Form des dahinter liegendenden Mahnmals für die Opfer der Weltkriege, unweit des alten Friedhofes auf. 
„Das Lohtor war einst das wichtigste und best geschützte Stadttor Recklinghausen. Es wurde jedoch 1839 abgerissen“, weiß Hannelore Kemper. 
Es sollten stolze 157 Jahre vergehen, bis nach dem Abbruch ein neues torartiges Bauwerk an der Stelle des einstigen Lohtors entstehen stollte. 
„Die Errichtung der Skulptur hat sich auf jeden Fall gelohnt“, sagt Hannelore Kemper. Das Meisterwerk, das Architektur und Skulptur miteinander verbindet, besteht aus mehr als 30.000 Ziegelsteinen. Sein Schaffer, der Maler, Bildhauer und Architekt Per Kirkeby gilt als einer der einflussreichsten Künstler Dänemarks und ist im Mai mit 79 Jahren in Kopenhagen verstorben. 
Rund einen Kilometer von dem Torbau entfernt, befindet sich ein weiteres Kunstwerk, das Hannelore Kemper besonders am Herzen liegt: Die große Liegende. Mit vollem Namen heißt das Werk übrigens „Two Piece Reclaining Figure, No. 5“. Die Plastik stammt von Henry Moore (1898 bis 1986). Die Arbeit wurde damals für 330.000 DM (knapp 165.000 Euro) angekauft und Henry Moore überwachte persönlich ihr korrekte Aufstellen vor dem Ruhrfestspielhaus. 
Die Bürger mochten auch „Die Liegende“ nicht. 
Den britischen Bildhauer und seinen dänischen Kollegen Kirkeby verbindet etwas Besonderes: die anfängliche Abneigung der Recklinghäuser Bürger für ihrer Kunst. Denn: Auch als die „Große Liegende“ 1965 eingeweiht wurde, kam starke Kritik auf. Das ist mittlerweile anders. „Die Liegende“ ist das bekannteste Kunstwerk der Stadt. Generationen von Kindern sind auf ihr herumgeklettert, obwohl das verboten ist. 
„Die Recklinghäuser können stolz auf die schöne Stadt sein und ihre Kunstwerke“, betont Hannelore Kemper. Es macht ihr große Freude als Mitglied der Gilde der Stadtführer Interessierte herumzuführen. „Die Teilnehmer meiner Rundgänge sagen sehr häufig zu mir: ‚So schön haben wir uns Recklinghausen gar nicht vorgestellt." Doch etwas fehlt, was ihren Lieblings-Ort noch schöner machen würde. Hannelore Kemper: „Ich wünsche mir einen Brunnen auf der Wiese vor dem Kirkeby Werk.“

 

   

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