Aus der Recklinghäuser Zeitung
Donnerstag, 2. August 2018
 

RECKLINGHAUSEN

Das einstige Kleine-Leute-Viertel

ige Kleine-Leute-Viertel

Von Bianca Munker

Wer in der Gegend rund um den Paulsörter spazieren geht, der kann sich gut ausmalen, wie die Altstadt einst aussah. Denn durch die Straßen und Gassen weht der Wind der Vergangenheit. „Ich mag den dörflichen Charakter des Viertels sehr“, sagt Stadtführer Michael Wehling (63). „Zudem gibt es noch einige Bauten aus vergangenen Zeiten, die auf die Geschichte dieses besonderen Ortes hinweisen“, fügt er hinzu.
 
Eines dieser Bauwerke ist die Altstadtschmiede an der Kellerstraße. Die Schmiede ruft in Erinnerung, dass dieses Quartier einst der Platz des Metallhandwerks war. Im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit waren hier Eisengießereien, Stahlveredler und Kesselflicker angesiedelt. „Das waren gefährliche Gewerbe. Hier war es heiß und schmutzig, deshalb mieden viele Bürger diese Straßen“, weiß Michael Wehling.
 
Die Altstadtschmiede war ab dem Jahr 1850 eine Nagelschmiede, danach bis rund 1900 eine Hufschmiede. Seit 1975 ist daraus ein soziokulturelles Zentrum geworden. 
 
„Ich erinnere mich noch gerne an diese Anfangszeit des Vereins, denn Mitte der 70er-Jahre war ich selbst als Mitglied dabei und habe mich zeitweise um die Buchführung gekümmert.“ An der Altstadtschmiede verläuft die Schwertfegergasse, sie weist darauf hin, dass dort einst die Waffenschmiede ansässig waren. „Eisenwaren zählten zu den wichtigsten Exportwaren unserer Stadt“, berichtet Michael Wehling. Doch im Jahr 1686 gab es einen katastrophalen Stadtbrand. Viele der ansässigen Gießer verloren dabei ihre gesamte Existenz, wendeten daraufhin Recklinghausen den Rücken zu und suchten in der Region rund um Siegen ihr Glück. 
 
Michael Wehling geht nur einige Meter weiter und steht vor dem Fachwerkhaus Paulsörter 22. „Dieses Gebäude gehörte einst der Familie Ochs. Sie unterhielt über drei Generationen hinweg eines der ersten Fuhrunternehmen unserer Stadt. Eine Reise mit der Kutsche von Recklinghausen nach Bochum, es gab nur eine Straße, die dort hinführte, war so aufwendig wie heute eine Auslandsreise.“
 
Apropos Straßen, die sahen auch gänzlich anders aus als heute. „Überall lagen Erde, Sand und Morast herum, gepflasterte Straßen waren im Mittelalter eine große Ausnahme.“
 
Auch der letzte Kuhhirte der Altstadt wohnte dort.
 
In einer Gasse, die ebenfalls den Namen Paulsörter trägt, stehen wie damals Fachwerkhäuser eng beieinander. Die Bauwerke stammen aus dem 18. Jahrhundert. „Bei diesem Anblick kann man sich doch vorstellen, wie die damaligen Verhältnisse hier waren. Dieser Bereich war ein Kleine-Leute-Viertel.“ Die Bewohner waren Handwerker, der Nachtwächter, der Kuhhirte und Ackerbürger. „Der letzte Kuhhirte war Theodor Erlhoff. Er trieb 1850 600 Kühe vom Paulsörter durch das Viehtor auf die Weiden im Vorderbruch. Wo heute auf dem Saatbruchgelände die Palmkirmes stattfindet, grasten früher Weidetiere. In seinem letzten Jahr trieb Erlhoff nur noch sechs Kühe durch die Straßen.“ Ein Denkmal an der Gustav-Adolf-Kirche ist dem letzten Kuhhirten der Altstadt gewidmet. 
 
Ein weiterer bedeutender Ort ist der Baumstammbrunnen. Ein Bronzeguss gedenkt der Wasserstelle, die sich dort vom 13. bis 16. Jahrhundert befand. „Daraus schöpfte man das wichtige Löschwasser für Brände, aber kein Trinkwasser. Die Menschen, auch Kinder, stillten ihren Durst meistens mit Bier.“ Der Gerstensaft war nicht so stark wie heute üblich, sondern erhielt „nur“ 0,5 bis 1,5 Prozent Alkohol.
 
„Die Nachbarschaft, zu der rund 15 Familien gehörten, unterstützten sich nicht nur bei Hochzeiten, Krankheiten oder Beerdigungen, sondern sie waren auch für die Pflege des Brunnens zuständig.“
 

   

Zufallsbild / Frühling 2019  

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