Recklinghäuser Zeitung
Donnerstag, 9. August 2018

Recklinghausen

Die älteste Bewohnerin der Stadt

 
te Bewohnerin der Stadt
Die Stieleiche neben dem Fachwerkhaus Ochs 1936

Von Kristina Schröder

Der Blick nach oben in die Baumkrone der alten Stieleiche ist so imposant wie einmalig. Die Blätter wiegen sich im leichten Wind, die Sonne blitzt durch das Geäst. „Sie ist die älteste Bewohnerin Recklinghausens“, sagt Stadtführer Arno Straßmann, „und steht mitten im Herzen der Altstadt.“ Genauer gesagt neben dem denkmalgeschützten Haus der Geschwister Ochs am Paulsörter 22.

Straßmann kommt immer wieder gerne dort vorbei, vor allem bei Stadtführungen legt er einen Stopp ein. „Als ausgebildeter Natur- und Landschaftsführer liegen mir Bäume und ihr Klimafaktor besonders am Herzen. Wie viel ein Baum zur guten Luft beitragen kann, hängt von seiner Krone ab“, so Straßmann. Und die ist bei der alten Stieleiche beachtlich. „Eine ausgewachsene Eiche bindet pro Jahr etwa 100 Kilo Feinstaub“, erklärt der Naturliebhaber.

Man staune: Ein betagtes Exemplar kann zum Beispiel 1,7 Kilogramm Sauerstoff pro Stunde produzieren und in dieser kurzen Zeit 50 Menschen mit Luft zum Atmen versorgen. Und ganz nebenbei spendet solch ein Prachtexemplar Schatten an heißen Sonnentagen und bietet Vögeln und Insekten ein Zuhause. Das Futter wird gleich mitgeliefert.

Aber nicht nur das – die Riesen haben oftmals auch einen langen Teil der Stadtgeschichte miterlebt. „Schön wäre, wenn so ein Baum reden und alles erzählen könnte“, sagt Annedine Ochs. „Die älteste Bewohnerin Recklinghausens“ steht neben dem Haus, auf dem Grundstück, das ihr und Bruder Hans Werner Ochs gehört. Vermutlich ist die unter Naturschutz stehende Stieleiche älter als die Familiengeschichte am Paulsörter 22. Die begann 1895 mit dem Kauf der Immobilie durch Großvater Johann Ochs.

Seit wann genau die Stieleiche zum Stadtbild gehört, wissen Annedine und Hans Werner Ochs nicht. Mit einem Berechnungstrick will Arno Straßmann das herausfinden – mit einem Seil und einem Maßband. In 1,30 Meter Höhe setzt der Naturliebhaber an und misst 4,45 Meter Stammumfang. „Den müssen wir nun mit dem für Eichen angesetzten Multiplikationsfaktor von 0,8 malnehmen“, erklärt Straßmann und tippt die Zahlen in seinen Taschenrechner ein. „Die Stieleiche ist rund 356 Jahre alt“, verkündet er. Ein stolzes Alter. Demnach wäre sie 1662 gepflanzt worden.

Dass die Messung aber nur ein ungefähres Alter ermitteln kann, belegt folgender, historischer Umstand: „1668 gab es einen großen Brand hier in der Altstadt. Sie muss danach gepflanzt worden sein“, mutmaßt Straßmann.

„Die Stieleiche ist nur ein Beispiel für viele weitere alte Bäume“, schwärmt der Stadtführer. So findet sich in Sichtweite ein Feldahorn, mit dem früher das Vieh gefüttert wurde. Ein paar Meter weiter die Straße rauf steht im Biergarten des Cafés Kulisse ein Birnenbaum – der letzte Überlebende des Obstgartens, in dem einmal hinter dem einstigen Gebäude des Aussteuerhauses Wüller viele seiner Art in Blüte standen.

Die über 100 Jahre alten Platanen auf dem Schulhof des Gymnasiums Petrinum sind ebenso imposant wie die über 200 Jahre alte Linde am Anton-Bauer-Weg. Und auch im Boente-Biergarten gibt es eine geschichtsträchtige Buche zu entdecken. Beim nächsten kühlen Blonden lohnt sich also der Blick ins Grüne. Straßmann: „Bäume machen den Charakter der Altstadt aus und sorgen für eine besondere Atmosphäre.“


Die Stieleiche (mit Stadtführer Hr. Straßmann) 2018

   

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